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Krebs und Sexualität: da geht noch was!

    Bei einer Krebserkrankung gerät leider so manches unter die Räder. Die Sexualität gehört oftmals auch dazu. Man ist in Summe erschöpft und kämpft mit Unwohlsein, die Schleimhäute sind angegriffen und da kann man sich vielleicht das intime Beisammensein gerade nicht so recht vorstellen. Da das Thema auch noch so stark tabuisiert ist, kommt es bei den Gesprächen mit den Ärzten oder Psychoonkologen viel zu wenig zur Sprache. In diesem Film mit Dr. Johannes Wimmer wollen wir Mut machen und Wege aufzeigen damit Sie Ihr Liebesleben wieder neu starten können! 

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    Dr. Wimmer: Sexualität bei einer Krebserkrankung? Das ist vielleicht nicht die erste Frage, die man seinen Arzt oder seiner Ärztin stellt. Trotzdem ist es ein wichtiges Thema. Warum ist das so entscheidend?

    Karin Strube: Sexualität ist ein großer Bestandteil in einer Partnerschaft. Sexualität macht Spaß und ist sehr wichtig für die Partnerschaft. Klar kann eine Zeit lang auf Sexualität verzichtet werden, aber irgendwann ist es wichtig, wieder darauf zurückzukommen. Gerade wenn sich die Krebserkrankung oder die Behandlung über Jahre zieht. Das ist es schön, wenn trotzdem die Lust wieder kommt. Deshalb sollte man sich die Zeit nehmen und mit den Ärzten darüber sprechen.

    Sexualität während einer Chemotherapie?

    Dr. Wimmer: Früher haben Ärzte gerne gesagt: Wir vergiften Ihren ganzen Körper. Der Tumor reagiert am meisten drauf. Da macht man sich schon Gedanken, ob man giftig ist.

    Karin Strube: Ja, wir hören oft von Patienten, dass sie sich Sorgen machen: Vergifte ich meinen Partner, wenn ich während oder nach einer Chemotherapie Sex habe? Ich möchte meinem Partner oder meiner Partnerin nichts von dem Gift abgeben.

    Dr. Wimmer: Darf ich dann überhaupt Sex haben?

    Karin Strube: Ja! Es ist tatsächlich so, dass in den Körperflüssigkeiten so wenig Gift enthalten ist, dass man einem erwachsenen Partner damit nicht schadet.

    Was aber wichtig ist, dass man in dem Moment kein Kind zeugt. Das ist gefährlich, da diese Gifte bereits in kleinen Mengen keimschädigend sind. Deshalb sollte auf jeden Fall verhütet werden.

    Angegriffene Schleimhäute

    Dr. Wimmer: Bei einer Bestrahlung oder Chemotherapie leiden die Schleimhäute (auch die im Intimbereich) massiv. Welche Tipps und Tricks gibt es zu diesem Thema?

    Karin Strube: Wenn man akut in einer starken und intensiven Chemotherapie ist, kann es sein, dass alle Schleimhäute kaputt sind. Da hilft nur das Einschmieren mit guten Salben, Teetrinken und abwarten und ein bisschen kuscheln. Sexualität soll schön und nicht schmerzhaft sein. Wenn sich die Schleimhäute nach und nach etwas repariert haben, ist Sex wieder möglich.

    Aber wichtig: Bitte nicht zur Apotheke gehen und irgendeine Salbe kaufen, sondern vorher mit dem Arzt sprechen. Es gibt auch Salben, die eine Pilzinfektionen begünstigen.

    Dr. Wimmer: Bei einer Krebserkrankungen sind Infektionen natürlich ein Riesenthema. Banalste Keime, die sonst auf unserer Haut und natürlich auch im Genitalbereich leben, können bei einer Immunsuppression, z. B. bei einer Chemotherapie etc. zum Problem werden.

    Karin Strube: Deshalb auf jeden Fall mit dem Arzt sprechen und sich die geeigneten Salben besorgen. Oder auch mit Kondom verhüten. Einfach um zu sagen: Du musst mal eine Weile deine Keime bei dir behalten, auch wenn sie an sich harmlos sind.

    Kommunikation während einer Durststrecke

    Dr. Wimmer: Sexualität ist nicht nur der Geschlechtsverkehr, wie wir ihn damals in der Schule im Sexualkundeunterricht beigebracht bekommen haben. Sexualität ist vielseitig. Man kann sie zu zweit haben, manche genießen es zu dritt, aber auch Sexualität allein ist wichtig, dass Leute für sich merken, da ist noch etwas und ich kann diesen Bedürfnissen auch nachkommen. Es sollte sich nicht wie eine moralische Verpflichtung anfühlen: Jetzt habe ich schon eine Krebserkrankung, jetzt darf ich nicht auch noch an Sexualität denken. Viele Menschen sind im Kopf gehemmt.

    Karin Strube: Da gibt es beide Effekte. Man sollte definitiv an Sex denken dürfen, aber umgekehrt sollte man sich auch nicht unter Druck setzen lassen. Es gibt Phasen, in denen man eher seine Ruhe und keine Sexualität haben möchte, die ausschließlich auf Geschlechtsverkehr fokussiert ist. Eher allgemeinere Körperlichkeit erleben will. Man kann es ein bisschen ruhiger angehen und nicht zu sehr den Fokus auf Geschlechtsverkehr Orgasmus legen.

    Dr. Wimmer: Was ist denn Sexualität? Was tut mir gut? Wonach ist mir gerade? Aber dann auch den Partner fragen: Was kann ich dir Gutes tun? Also manchmal ist es auch so, dass man sagt: Erst ich und dann du. Wenn man offen drüber redet, geht das wunderbar. Es ist sehr wichtig, dass man als Paar einen guten Weg findet, miteinander zu kommunizieren.

    Karin Strube: Wichtig ist auch, ob es nur eine kurze Zeit über ein paar Wochen oder Monate ist, die man überbrücken muss, bis alles wieder beim Alten ist oder ist es etwas, was wirklich lange dauert. Dann ist es um so wichtiger, dass man einen guten Weg miteinander in der Partnerschaft findet, wie man mit so einer langwierigen Belastung des Sexlebens umgehen kann.

    Bestrahlungen

    Dr. Wimmer: Bin ich nach einer Bestrahlung radioaktiv und kann das beim Sex übertragen?

    Karin Strube: Nein! Bestrahlung ist tatsächlich etwas, das durch den Körper durchgeht und man ist nicht radioaktiv. Das ist ähnlich wie beim Röntgen. Hier gibt es keinen Grund zur Sorge. Anders ist es beim Knochenszintigramm. Da bekommt man eine radioaktive Substanz gespritzt, die man auf dem Knochenszintigramm ordentlich sehen soll. Danach ist man tatsächlich für einen gewissen Zeitraum radioaktiv. Aber das verfällt relativ schnell. In dem Zeitraum sollte man von schwangeren Frauen Abstand halten und auch kein Kind zeugen.

    Dr. Wimmer: In solchen Momenten sollte man sich in Geduld üben, selbst wenn die Lust riesengroß ist. Offen mit der Partnerin/dem Partner sprechen und dann ist es auch okay, wenn man sich in der Zeit mit irgendwelchen Filmen etc. vergnügt.

    Karin Strube: Das ist alles in Ordnung, solange es ausgesprochen wird. Und jeder seinen Bedürfnissen nachkommen kann. Und bei Krebserkrankungen sind die Bedürfnisse manchmal anders.

    Operationen

    Dr. Wimmer: So viele Krebserkrankungen wie es gibt, gibt es auch verschiedene OPs. Die Chirurgen sind nicht unbedingt dafür bekannt, dass sie ein solches Thema ansprechen.

    Es gibt eine Zahl aus der Orthopädie: Bei einer künstlichen Hüfte (Hüftgelenkersatz) würden 80% der Patientinnen und Patienten gerne über Sexualität und Sexstellungen nach der OP sprechen. Nur 20% der Orthopäden sprechen von allein darüber. Wenn jetzt die 20% der Orthopäden, die darüber sprechen, mit den 20% der Patienten sprechen, die es gar nicht hören wollen, hat man genau aneinander vorbei kommuniziert.

    Also wie ist das bei OPs? Was sind deine Tipps?

    Karin Strube: OPs sind tatsächlich ein großes Thema und da muss man mit dem Arzt sprechen. Was wurde operiert? Und ist das, was operiert wurde, wie z. B. die Hüfte, im Bereich, wo man Sexualität auslebt oder nicht? Natürlich muss man sich überlegen, wie die Narbe hält oder die Verheilung fortgeschritten ist. Hier ist es wichtig mit dem Arzt darüber zu sprechen, auch wenn es mühsam ist und der Arzt schlecht auf das Thema eingeht.

    Dr. Wimmer: Wenn der eigene Arzt keinen Lösungsansatz weiß, soll dieser an jemanden vermitteln, der sich damit auskennt. Mittlerweile gibt es zum Glück auch Sexualtherapeuten im Bereich Krebserkrankungen oder auch bei anderen Erkrankungen. Das gilt genauso für Multiple Sklerose etc.

    Eingeschränkte sexuelle Funktion

    Dr. Wimmer: Viele Patienten sind überrascht, dass die Funktion bei einer Krebserkrankung nicht mehr gegeben ist. Gerade bei Männern gibt es Erektionsstörungen. Bestelle ich mir dann online, das ist eine rhetorische Frage, sofort ein Potenzmittel?

    Karin Strube: Besser nicht. Oft denkt man, dass sich eine Krebserkrankung nur dann negativ auf die Sexualität auswirkt, wenn es die Organe spezifisch betrifft. Aber das ist leider nicht so. Auch bei einer systemischen Erkrankung, wie zum Beispiel Leukämie, schlägt die Therapie so rein, dass oftmals die Lust und auch die Libido Kraft komplett weg ist. Hier ist es wieder wichtig, mit einem Arzt zu sprechen und nicht irgendetwas im Internet zu bestellen.

    Dr. Wimmer: Es ist also auch okay, wenn der Körper dann nicht so funktioniert, wie man ihn eigentlich kennt.

    Karin Strube: Das ist wichtig und das ist Teil der Erkrankung. Der Lungen- oder Brustkrebs z. B. sitzt nicht nur an einer speziellen Stelle, sondern er, und spätestens die Therapie, hat Auswirkung auf den gesamten Körper.

    Dr. Wimmer: Das ist ein Punkt, den wir vorhin schon mal angesprochen haben: Kopfsache: Viele Menschen tun sich unglaublich schwer, weil im Kopf einfach so viel Ängste und Sorgen sind. Wie gehe ich vor, wenn die Lust einfach nicht kommen will, weil ich merke, dass die Last so groß ist? Ich würde gern und mein Partner oder meine Partnerin hat Bedürfnisse, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich eine Bremse im Kopf habe. Gibt es da Tipps?

    Karin Strube: Das ist wieder die Frage der Zeitlichkeit. Manchmal muss man sich diese Bremse im Kopf gönnen: Der Fokus liegt auf der Therapie. Wenn das zu lange dauert, und es anfängt, die Partnerschaft zu belasten, muss man sich Hilfe holen. Da gibt es diverse Hilfsangebote von Psychoonkologen, Urologen, Gynäkologen oder schlicht und einfach von Sexualtherapeuten. Man sollte wirklich insistieren, diese Hilfe zu bekommen. Auch wenn das System manchmal ein bisschen träge ist, diese Hilfe anzubieten.

    Dr. Wimmer: Die Libido kann auch durch Sorgen und Ängste, die man im anderen Bereich hat, gebremst werden. Wenn man diese Sorgen und Ängste, die mit der Krebserkrankung vorhanden sind, angeht, kommt manchmal auch auf wundervolle Weise die sexuelle Lust zurück. Es lohnt sich also gar nicht, an der Libido zu arbeiten, weil das nicht das Thema ist, das man angehen muss, sondern die Ängste, die dahinterstehen.

    Das eigene Körperbild

    Dr. Wimmer: Was bedeutet Sexualität? Das bedeutet auch, ein eigenes Körperbild zu haben. Man schaut sich selbst im Spiegel an und wir wissen aus der Medizin, dass eine Krebserkrankung einen körperlich ganz schön auseinandernehmen kann. Von künstlichen Darmausgängen, über Narben und Katheter. Sport ist ein weiteres Thema: Wenn man vorher athletisch war, ist gar nicht mehr daran zu denken. Entweder man nimmt ab, oder man nimmt an den falschen Stellen zu. Die Haut sieht komisch aus. Das Selbstbild ist ein Riesenthema. Was macht man da?

    Karin Strube: Schlussendlich ist es wichtig, dass man Schritt für Schritt dahin findet, sich selbst zu akzeptieren. Gerade beim Sex zeigt man sich so, wie man ist und deshalb muss man in der Partnerschaft einen guten Weg miteinander finden.

    Eine gute Entwicklung ist, dass in den letzten Jahren viel daran gearbeitet wurde, dieses Körperbild wieder differenzierter, offener und vielfältiger zu zeigen, als es viele Jahre davor war.

    Dr. Wimmer: Du meinst zum Beispiel die Fernsehwerbung, die nicht mehr high glossy und mit Filtern versehen ist. Man sieht die Menschen wieder ein bisschen normaler. Daran müssen wir als Gesellschaft arbeiten.

    Karin Strube: Einen spannenden Trend in letzter Zeit finde ich, dass Frauen, die eine Brustkrebs OP hatten, sich über die Narben ein Tattoo stechen lassen und sich damit zeigen. Also mit nicht rekonstruierter Brust, sondern mit der Narbe und einem schönen Tattoo.

    Dr. Wimmer: Wenn man diese körperliche Veränderung, ich will jetzt gar nicht Einschränkung sagen, als Teil von sich anerkennt, sagen manche, dass sie ihren Körper mehr lieben gelernt haben.

    Bedürfnisse offen kommunizieren

    Dr. Wimmer: Man muss aber auch ehrlicherweise sagen, dass nicht die gesamte Gesellschaft die perfekt erfüllte Sexualität hat, sondern diese teilweise ein Thema ist, die ausgeklammert wird und in der Partnerschaft nicht darüber geredet wird. Da sind viele Themen, die das alles immer komplizierter machen. Vielleicht hat der eine oder die andere den Eindruck: Ich komm nicht so zu dem, was ich möchte. Und wenn dann noch eine Krebserkrankung dazukommt, kann das ganze Kartenhaus zusammenbrechen.

    Das ist dann grundsätzlich schon vorher ein Problem gewesen und durch die Krebserkrankung ist es erst recht da. Man kann es nicht schönreden, oder?

    Karin Strube: Nein, im Gegenteil. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass Beziehungen kompliziert sind und Sexualität sowieso. Wenn eine Krebserkrankung dazukommt, muss man nicht meinen, dass, wenn es jetzt nicht funktioniert, alles nur an der Krankheit liegt. Das ist generell ein kompliziertes Thema, an dem man immer wieder dranbleiben muss.

    Dr. Wimmer: Uns beschäftigen ja auch andere Themen. Im Normalfall ist es nicht so, dass alles perfekt läuft und dann kommt eine Krebserkrankung, die alles über den Haufen wirft. Man hat schon vorher seine Sorgen, seine Kredite, die man abbezahlt, Probleme in der Partnerschaft, den Stress zu Hause oder im Job. Und dann kommt on top die Krebserkrankung dazu. Um für sich ein bisschen den Druck rauszunehmen, sollte man sich sagen, dass man gar nicht wieder perfekt funktionieren muss.

    Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, ist es manchmal so, dass der Sex vorher auch nicht besonders war. Dann kann man die Situation auch als Neustart nutzen, um noch mal grundsätzlich drüber zu reden und einen Weg zu finden, sich selbst wohlzufühlen und trotzdem offen und wertschätzend zu bleiben.

    Es gibt viele Menschen, die einen unterstützen können, z. B. in einer Paartherapie, bei der jemand moderiert. Oft ist es so, dass die oder der Krebserkrankte selbst schon die Erkrankung hat und mit dem Gefühl lebt, dass man für die Partnerschaft da sein muss, weil man dem anderen was wegnimmt durch seine Erkrankung. Das alles auszugleichen ist schwierig und muss nicht sein.

    Karin Strube: Das ist auch eine gute Gelegenheit das Thema Sexualität mal wieder breiter zu betrachten. Es ist so viel mehr als einfach nur Geschlechtsverkehr. Es ist die ganze Körperlichkeit, Lust, Freude, und Vertrauen.

    Dr. Wimmer: Da merke ich, dass Männer und Frauen doch unterschiedlich sind und unterschiedliche Bedürfnisse haben. Es lohnt sich darüber zu sprechen und zu schauen, wem tut eigentlich was gut.

    Auch wenn man sagt, man ist für sich mit sich selbst, ist das auch Sexualität und auch das kann erfüllend sein. Und dieser TV-Seelsorger Domian hat mal so schön gesagt: „Man kann dann guten Sex mit anderen Menschen haben, wenn man auch guten Sex mit sich selbst haben kann.“

    Das ist bei einer Krebserkrankung auch ganz wichtig. Zu sagen: Die Liebe fängt mit der Eigenliebe, mit sich selbst an. Bei sich selbst bleiben, auf die eigenen Bedürfnisse achten und die zur Not auch einfordern. Das ist bei einer Krebserkrankung absolut in Ordnung.

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