Seite wählen
Banner "You have got a friend in me" zum Thema Hilfe für Angehörige und Freunde

Mein Freund hatte Krebs – wie wir darüber gesprochen haben

Eine Krebserkrankung ist nicht nur für den Betroffenen sehr schwer. Auch der beste Freund leidet darunter. Insbesondere dann, wenn die Prognose sehr schlecht ist. Dieser Film gibt einen Einblick wie die Kommunikation in diesen schweren Zeiten gehen kann. 

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Wie hast du von der Diagnose erfahren?

Wir hatten erfahren, dass ein gemeinsamer Freund von uns einen Herzinfarkt hatte. Mein Freund meinte, dass er sich ähnlich fühlt, dass es ihm schlecht geht, dass er müde ist, dass er Kopfschmerzen hat. Er war ein fleißiger Kerl, selbstständig und immer von morgens bis abends voll eingebunden. Er hat sich aber die Zeit genommen, ist zum Arzt gegangen und hat dann die Diagnose bekommen, dass er einen Tumor im Herzen hat. Dann ging alles recht schnell. Die OP war innerhalb einer Woche geplant. Er hat gesagt: „Hey Leute, passt auf, ich habe einen Tumor am Herzen.“ Er musste sich in der einen Woche mit allem befassen. Er hat sein Testament geschrieben, weil man nicht wusste, wie diese 5 bis 6 Stunden-OP ausgeht. Die OP lief gut aber im Nachgang kam die Diagnose, dass es nicht nur ein Tumor war, sondern auch die Krebskrankheit.

Wie habt ihr während der Therapie kommuniziert?

Als er ins Krankenhaus kam, hatte ich das Glück, dass ich beruflich hier im Krankenhaus arbeitete und so konnte ich ihn täglich besuchen. Ich habe mir auch gerne die Zeit dafür genommen.

Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie man mit jemandem kommuniziert, der eine wirklich schlechte Diagnose bekommen hat. Wir haben uns in einem offenen Gespräch darauf geeinigt, wie und wie lange wir über die Krankheit reden. Wir haben 2 bis 3 Minuten über die Krankheit gesprochen, was es Neues gibt, wie er sich mit der Krankheit fühlt und danach haben wir die Zeit einfach für uns genutzt. Wenn wir uns gesehen haben, haben wir uns gefreut, dass wir uns sehen, und haben dann die Zeit im Krankenzimmer so gut verbracht, wie es irgendwie ging.

Worüber habt ihr gesprochen?

Hier im obersten Stock hatte man eine super Aussicht über die ganzen Außenanlagen. Unsere Mitarbeiter waren hier vor Ort. Er war praktisch hier der verlängerte Arm. Er hat genau gesehen, wo unsere Mitarbeiter schlampen, wo sie nicht schlampen, was funktioniert was nicht funktioniert. Ich habe jeden Tag Fotodokumentationen bekommen, was passt und was nicht passt. Es war hier seine Mission, man konnte ihn damit gut beschäftigen. Von seinem eigenen Geschäft wollte er relativ wenig wissen.

Ansonsten haben wir viel über unser gemeinsames Hobby gesprochen – wir sind sehr gerne zusammen jagen gegangen. Und in den Chemopausen haben wir die Zeit genutzt und sind, wenn es die Gesundheit zugelassen hat, wieder zusammen auf die Jagd gegangen und hatten Spaß.

Welche Rolle hat Normalität in der Kommunikation gespielt?

Ich denke, dass Normalität wahrscheinlich das Wichtigste war. Im Krankenhaus ist man umgeben, von allem, was nicht normal ist. Von den Leuten, vom Krankenbett oder dem Zimmernachbarn. Das ist alles nicht normal. Von daher war Normalität sehr wichtig.

Wie war die Kommunikation im Freundeskreis?

Die Kommunikation von seiner Seite aus war eigentlich relativ klar. Er war immer gut strukturiert und hat auch ganz klar die Geschwindigkeit vorgegeben, wie er das wollte. Nachfragen war nie notwendig.

Natürlich gab es paar Tage, an denen man nichts gehört hat. Da ist man einfach davon ausgegangen, dass er jetzt gerade seine Ruhe braucht. Er hat aber auch schon von Haus aus relativ viel mit sich selbst ausgemacht.

Wir haben nicht großartig geschrieben oder geskypt. Das war natürlich der Situation geschuldet, weil wir uns oft sehen konnten. Bei uns lief es meist so: Ich bin jetzt im Haus, bist du da? Hast du Untersuchungen? Ja/Nein? Alles klar, ich komm kurz hoch. Und das waren keine stundenlangen Besuche, sondern manchmal nur 15 Minuten. Und diese 15 Minuten taten einfach gut.

Was war schwierig in der Kommunikation?

Ich habe mit ihm viel darüber gesprochen, was der Freundeskreis macht und wie sie auf die Krankheit reagieren. Es gab Leute, die haben sich extrem schwergetan. Mein eigener Bruder war auch nicht begeistert, Krankenhausbesuche abzustatten.

Aber er hat es akzeptiert. Es hat sich eben rausgestellt, wer eher der Aktive in der Kommunikation war und wer eher der Passive.

Viele wissen wahrscheinlich nicht, wie sie solche Patienten ansprechen sollen und haben selbst ein großes Problem mit den Betroffenen über die Krankheit oder über die Situation allgemein zu sprechen.

Hat sich die Freundschaft zu manchen durch die Krankheit verändert?

Er hat meiner Meinung nach, keine Kraft und Energie an die Leute verschwendet, die sich schwer getan haben mit ihm zu kommunizieren. Er hat gesagt: „Das muss jeder für sich selbst wissen.“ Wie das später weitergehen soll, lässt er auf sich zukommen. Er hat keine Schlüsse gezogen oder geurteilt: Schwere Enttäuschung oder mega Überraschung. Er hat es einfach so genommen, wie es kam.

Hast du dich online über die Krankheit informiert?

Bezüglich der Diagnose habe ich nicht zu Doktor Google gehört. Mir hat das Verständnis gefehlt. Ich habe mich schlau gemacht als es um die Herz OP ging. Da waren ja, zumindest was man nachlesen konnte, die Chancen nicht schlecht. 

Was beruhigend war: Hier im Haus waren die Spezialisten! Aber wir hatten natürlich gehofft, dass nach dieser OP die ganze Geschichte beendet ist. 

Was war rückblickend besonders wertvoll?

Rückblickend war für mich äußerst wertvoll, dass wir die Regeln relativ schnell ausmachten. Es wäre auch kein Problem gewesen die Regeln zwischendurch zu wechseln. Aber jede Minute, in der ich da war, jede Minute, die man im oder außerhalb vom Krankenhaus Kontakt hatte, war wertvoll. Ich wünsche, dass es bei viel mehr Leuten so gut laufen könnte, mit so einer Situation umzugehen.

Wie habt ihr kommuniziert als euch nur noch wenige Tage Zeit blieb?

Er hat morgens um 5 Uhr eine WhatsApp Nachricht geschrieben, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit sterben wird. Man wusste nicht, ob nur wenige oder mehrere Tage bleiben. Das hat die Situation nochmal verändert: Dieses „wir reden fünf Minuten über die Krankheit und danach reden wir über Gott und die Welt“ hat nicht mehr funktioniert. Aber da gibt es kein Patentrezept, wie man damit umgeht.

Ich konnte ihn noch zweimal besuchen, bevor er gestorben ist. Wir haben besprochen, was ihm noch wichtig ist, was ich für ihn regeln kann, soll oder auch darf. Und das versuche ich jeden Tag, so gut wie es irgendwie möglich ist, einzuhalten. Und das mache ich auch mit großer Freude.

Was würdest du anderen Patienten und ihren Freunden raten?

Wenn ich ein Fazit ziehen könnte, würde ich sagen: Es ist wichtig mit dem Betroffenen über seine Vorstellungen zu sprechen, vor allem wenn es um die Kommunikation geht. Das Thema anzusprechen, kostet einmal Überwindung. Man kann natürlich auch Angst haben, dass man einen Korb bekommt. Aber in dem Moment ist einfach alles, was man vom Patienten oder vom Freund zurückbekommt – was er sich wünscht auch wenn er gar nicht über die Krankheit reden will – einfach gut.

Logo der Strube Stiftung

Ein Projekt der Strube Stiftung

© Strube Stiftung | 2020