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Stammzell Transplantation bei Leukämie-Erkrankung

In Deutschland werden jedes Jahr mehr als 3000 Menschen allogen stammzelltransplantiert.

  • Welche Menschen sind das?
  • Ist das eine Operation oder was genau passiert dabei?

Wie kann ich mich darauf vorbereiten? Hier wollen wir vorstellen, was zu erwarten ist, wenn Sie vielleicht vor einer Transplantation stehen oder Sie sich vielleicht einfach nur dafür interessieren.

(Lesedauer: 9 Minuten)

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Allogene und autologe Stammzelltransplantation

Allogen kommt aus dem altgriechischen und kann mit fremd übersetzt werden. In der Medizin wird der Begriff für Organtransplantationen verwendet. Er beschreibt, dass das transplantierte Organ nicht dem eigenen Körper entstammt sondern von einem anderen Menschen kommt. Das Ganze kennt man vielleicht vom Organspendeausweis. Dieser ermöglicht einem Menschen im Voraus zu entscheiden, ob er im Falle eines Hirntods Organspender sein möchte.

Bei einer Knochenmarktransplantation handelt es sich im Gegensatz dazu um eine Lebendspende. Das bedeutet, dass der Spender beinahe im „Alltag“ spenden kann. Der Empfänger erhält somit ein fremdes (allogenes) Knochenmark, bei dem sich ebenfalls ein anderer Mensch bewusst dazu entschieden hat, es zu spenden. Man kann sich dann, wenn es beide Parteien möchten, sogar irgendwann kennenlernen. Es gibt bei der Knochenmarktransplantation auch die Möglichkeit der Eigenspende. Diese wird dann als autolog bezeichnet, kommt aber bei anderen Erkrankungen in Frage. 

Wann kommt eine Stammzelltransplantation in Frage?

Es wird nicht jeder transplantiert. Häufig sind es bestimmte Formen der Akuten myeloischen (AML) und Akuten lymphatischen Leukämie (ALL), aber auch Multiple Myelome und andere hämatologische Erkrankungen, die manchmal am besten durch eine Stammzelltransplantation behandelt werden. Dies ist nur unter ganz besonderen Umständen notwendig. Zum Beispiel wenn die Erkrankung nicht auf eine normale Therapie anspricht, oder eine besondere Veränderung in sich trägt, die es wahrscheinlich macht, dass sie wieder kommt. Diese Veränderungen können bei genetischen Untersuchungen ermittelt werden.

Bild von einer Doppelhelix

Der Ursprung der Krankheit liegt im Knochenmark

Wenn dies notwendig ist, soll das „kranke“ Immunsystem durch ein „neues“ gesundes ersetzt werden. Der Ursprung der Krankheiten ist im Knochenmark zu finden.Denn leider kann man in so einem Fall die Krankheit nicht durch einen gesunden Lebensstil besiegen.

Wird nun mit der vorbereitenden Therapie dieses entartete Knochenmark durch Medikamente entfernt, hat die Erkrankung keine Zellen mehr, aus denen sie nachwachsen kann. Dort wo vorher das kranke Knochenmark war, kann nun das Transplantierte anwachsen. Das Knochenmark, das transplantiert wird, besteht eigentlich aus sogenannten Stammzellen. Das sind Zellen aus denen viele verschiedene Zellen entstehen können.

Die Gewinnung der Stammzellen

Bei Stammzellen ist das ähnlich. Sie können entweder Stammzellen bleiben oder aus ihnen entstehen verschiedene andere Zellen, also zum Beispiel weiße oder rote Blutkörperchen. Die verschiedenen Zellen entstehen durch die Einwirkung von Botenstoffen, die der Körper selbst herstellt. Die Stammzellen, aus denen das Blut gebildet wird, sind im Knochenmark zu finden. Aber wie kommt man nun beim Spender an diese Zellen? Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Man kann zum einen das Knochenmark durch Medikamente anregen, einige dieser Stammzellen in die Blutbahn abzugeben. Zum anderen kann man die Stammzellen direkt aus dem Knochenmark entnehmen, z.B. im Beckenkamm.

Gewinnung der Stammzellen durch Medikamentengabe

Bei der ersten Option wird das Medikament den Spendern an einigen Tagen mit einer kleinen Spritze unter die Haut gegeben. Sie kommen dann anschließend in ein Spendezentrum und wie bei einer Blutspende wird Blut entnommen. Dieses enthält dann die vom Knochenmark ausgeschütteten Stammzellen. Aber auch die anderen Blutbestandteile, die der Empfänger nicht direkt benötigt. Diese werden dem Spender deshalb auch (wieder) durch eine Infusion zurückgegeben.

Bild von Spenderzentrum

Gewinnung der Stammzellen direkt aus dem Knochenmark

In manchen Fällen ist die direkte Knochenmarkentnahme für die Stammzellgewinnung notwendig. Es ist immer eine Einzelfallentscheidung und wird in der Regel abhängig vom Spender gemacht. Dies ist mit einem Eingriff verbunden, der normalerweise mit ein bis zwei Nächten im Krankenhaus einhergeht.

Wer kann für eine Stammzelltransplantation spenden

Aber egal wie gespendet wird, ein möglichst passender Spender ist das wichtigste für den Empfänger. Und eine Spende ist nie als selbstverständlich anzusehen. Sie ist ein sehr großes Geschenk und für den Empfänger eine Chance seine Krankheit zu besiegen. Dass nicht jeder für jeden spenden kann, liegt an den sogenannten HLA-Molekülen.

HLA – Personalausweis der Zellen

Wenn wir uns vorstellen, dass unser Körper ein Land ist, in dem alle Zellen des Körpers die Bewohner dieses Landes sind, dann könnten wir uns das Immunsystem als die Polizei vorstellen. Diese Polizei patrouilliert teilweise durch den Körper, und schaut ob sich irgendwo Zellen aufhalten, die nicht zum Körper gehören. Diese wären dann zum Beispiel Krankheitserreger. Damit die Polizei erkennt, welche Zellen zum Körper gehören und welche nicht, führt jede Zelle einen Personalausweis mit sich. Dieser ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Dieser Ausweis wird in der Medizin auch als HLA bezeichnet. Das HLA bedeutet Human Leukocyte Antigen. Es wurde damals zuerst auf Blutzellen entdeckt, deshalb Leukocyte. Human weil es beim Menschen gefunden wurde und Antigen, weil es als Erkennungsmerkmal dient. Wir finden hier zehn Merkmale, die die Zugehörigkeit zum Körper darstellen.

HLA Perso

Diesen Personalausweis bzw. dieses HLA-Molekül, finden wir an der Oberfläche fast aller Zellen. Bei einem Menschen sind alle diese Merkmale überall dieselben, jedoch gibt es bei jedem dieser Merkmale sehr viele verschiedene Möglichkeiten. Daraus ergeben sich sehr viele Kombinationen. Wenn eine Leukozyt-Zelle nun eine Zelle ohne passenden Ausweis findet, löst sie einen Alarm aus und ruft andere Zellen zur Hilfe. Sie löst also eine Immunreaktion aus. Diese Reaktion nehmen wir zum Beispiel bei einer Erkältung oder einem anderen Infekt wahr.

Wie wird das Knochenmark auf die Transplantation vorbereitet?

Natürlich sind auch bei anderen Organtransplantationen die HLA-Merkmale wichtig, jedoch kann man hier auch mit weniger Übereinstimmung zwischen Spender und Empfänger erfolgreich transplantieren. Um das Knochenmark auf die Transplantation vorzubereiten, wird in der Regel zuerst eine intensive Therapie gemacht. Diese hat das große Ziel, die Erkrankung einzudämmen oder sogar „nicht mehr“ messbar zu machen. Jetzt könnte man meinen, wieso dann überhaupt eine Transplantation? Wenn man nicht mal mehr die Krankheit messen kann. Dies liegt daran, dass bestimmte Erkrankungen ein hohes Rückfallrisiko haben, und in einem solchen Fall nur die Transplantation eine Chance auf Heilung bietet. Um den Raum für das Knochenmark frei zu machen, bekommt man diese vorbereitende Therapie. In der Regel sind dies Infusionen und manchmal noch Bestrahlung zusätzlich. Diese Bausteine sind in einer anderen Episode ausführlich erklärt. In der Vorbereitung ist die Dosismenge sehr groß, denn nur so kann das erkrankte Knochenmark entfernt werden.

Nebenwirkungen

Nebenwirkungen bleiben da leider nicht aus, können aber heute recht gut kontrolliert werden. So ist Übelkeit, wie man sie vielleicht aus Erzählungen kennt, heute recht gut behandelbar.

Eine weitere Nebenwirkung der Therapie ist die Neutropenie. Deshalb wird empfohlen sich in dieser Zeit zu schützen.

Dabei kommt dann der Besuch nur mit Mundschutz ins Zimmer und man selber sollte das Zimmer nur mit Mundschutz verlassen. Das bedeutet, dass im Patientenzimmer der Patient vor den Besuchern und dem medizinischen Personal geschützt wird. Außerhalb hat man nicht die Kontrolle, deshalb schützt man sich dort selbst. Das nennt man dann eine  Umkehrisolation.

Umkehrisolation

Belastende Situation der Isolation

Dies kann sehr belastend sein und genau darüber kann und sollte man sowohl mit Angehörigen als auch Professionellen sprechen. In jedem CCC (Comprehensive Cancer Center) gibt es Zugang zu Psychoonkologen oder anderen Gesprächspartnern (z.B. religiöse), die dabei behilflich sein können, die Situation zu bewältigen.

Zusätzlich zur Umkehrisolation werden auch andere Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, um den Patienten bestmöglich zu schützen. Man bekommt Medikamente um Nebenwirkungen der Therapie im besten Fall zu verhindern. Dies bedeutet aber, dass man oft recht viele Tabletten einnehmen muss. Unter anderem sollen diese Tabletten verhindern, dass das neue Immunsystem, bis es vollständig aufgebaut ist, zu sehr belastet wird. So wie die Medikamente einen Teil zum gesund werden beitragen, ist auch das, was man selbst tut, sehr wichtig.

Mitwirken der Patienten

Ein großer und wichtiger Teil dieser Therapie sind die Patienten selbst. Eine gute Mitarbeit und Auseinandersetzung mit sich selbst ist sehr wichtig und kann allen Beteiligten sehr gut helfen. So lernen viele Patienten in der Zeit der Erkrankung ein ganz neues Körperverständnis. Veränderungen, die man an seinem Körper wahrnimmt, sollte man immer unmittelbar weitergeben. Solche Veränderungen können das Gefühl von Fieber, Hautrötungen oder ähnliches sein. In Gesprächen mit dem behandelnden Team wird oftmals erwähnt, welche Punkte wichtig sein könnten. Ansonsten können andere Ratgeber hier einen Hinweis geben. Und da dieser Punkt so wichtig ist: Als Erkrankter helfen Sie allen, sowohl den Angehörigen als auch dem behandelnden Team, wenn Sie über Ihre Empfindungen sprechen. Denn manchmal kann man vielleicht etwas bemerken, was auch sehr gute Labortechniken noch nicht messen können.

Nach der Stammzelltransplantation

Nachdem die gespendeten Zellen transplantiert wurden, muss man als Empfänger, Angehöriger und Behandler abwarten. Eine allogene Stammzelltransplantation ist zwar ein Bereich in der Hochleistungs-Medizin, jedoch ist die unmittelbare Transplantation der gespendeten Zellen recht unspektakulär. Diese werden meistens wie eine Bluttransfusion verabreicht. Dennoch fällt zu diesem Zeitpunkt meistens eine große Anspannung der Beteiligten ab. Jetzt muss aber abgewartet werden. Denn die neuen Zellen können nicht direkt in den Knochen gesetzt werden. Sie müssen ihn selber finden. Dies geschieht dadurch, dass sie lange im Blut zirkulieren und sich dann nach und nach im Knochenmark niederlassen. Dort können sie dann anfangen, ihre neue Heimat zu renovieren und sich dort einzurichten. Wenn sie damit fertig sind, beginnen sie mit der neuen Produktion von allen Blutbestandteilen. Und bis diese gebildet werden können, vergehen einige Tage, in denen man die roten Blutkörperchen und Blutplättchen von außen hinzugeben muss.

Transfusion nach der Stammzelltransplantation

Da im Knochenmark nicht nur die weißen Blutkörperchen gebildet werden sondern auch rote Blutkörperchen und Blutplättchen, sind diese auch von der Therapie betroffen. Was diese einzelnen Zellen machen, können Sie in unserem Video über das Blut anschauen. Was ist aber nun eine Transfusion? In der Zeit nach der Transplantation benötigt man oftmals eben diese Blutkonserven. Dies kann zu bestimmten Zeiten recht viel sein, ist aber im Rahmen dieser Therapie zu erwarten. Das Verabreichen solcher Blutbestandteile nennt man Transfusion.

Abstoßungsreaktion nach der Stammzelltransplantation

Das neue Immunsystem kann jetzt allerdings den eigenen Körper als fremd erkennen. Vielleicht haben Sie schon einmal von einer Abstoßung bei Organtransplantationen gehört. Das ist der Vorgang, wenn der Körper ein transplantiertes Organ als fremd erkennt und es mit seinen Immunzellen angreift.

Was ist GvHD (Graft vs Host Disease)

In unserem Fall ist es nun genau umgekehrt! Denn es wurde ja bei der Knochenmarktransplantation sozusagen das Immunsystem ausgetauscht. Demnach kann dieses neue Immunsystem den ganzen Körper als fremd erkennen. Das nennt man auch: GvHD (Graft vs Host Disease).

Und deshalb ist ein passender Spender sehr wichtig. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die neue Polizei die Personalausweise (HLA-Moleküle) der Zellen erkennt und als in Ordnung befindet höher und ein Angriff auf diese Zellen weniger wahrscheinlich. Dennoch muss das Immunsystem erst mal gebremst werden. Das bedeutet, man hemmt das neue und fremde Immunsystem, die eigenen Zellen anzugreifen. Denn auch bei identischen HLA-Merkmalen kann es zu einer Reaktion kommen. Das kann daran liegen, dass es Merkmale gibt, die bisher nicht bekannt sind oder nicht bestimmt werden können.

Was ist GvL (Graft vs Leukemia Effekt).

Ein Alleinstellungsmerkmal der Knochenmarktransplantation ist jedoch, dass man irgendwann diese sogenannte Immunsuppression absetzen kann. Das ist bei keiner anderen Transplantation möglich.

Ein erwünschter Effekt dieser GvHD ist die GvL. Hierbei handelt es sich um den GvL (Graft vs Leukemia Effekt). Übersetzt Transplantat gegen Leukämie (bzw. Erkrankung). Dieser Effekt beruht darauf, dass das neue Immunsystem eventuell noch vorhandene Krebszellen als fremd erkennt und diese zerstört.

Geschafft!

Ist nun das Immunsystem wieder so stark, dass es mit den meisten alltäglichen Erregern klar kommt, ist es Zeit nach Hause gehen zu dürfen. Ab dann ist eine intensive Weiterbetreuung notwendig, um engmaschig den Erfolg der Therapie zu kontrollieren und auch die Immunsuppression richtig anzupassen. Diese Nachkontrollen sind oft dem behandelnden Zentrum angegliedert. Somit kennt man das behandelnde Team oftmals und auch Sie als Erkrankter sind oftmals bekannt.

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