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Krebs und Alternativmedizin – erstmal checken!

    Gerade wenn man Krebs hat, ist ein Grundbedürfnis auch selber aktiv zu werden und nach Mitteln zu suchen, die einem hoffentlich weiterhelfen. Doch Vorsicht! Auch viele von den angeblich harmlosen „Mittelchen“ sind gar nicht so ohne! Auch wenn der betreuende Onkologe vielleicht die Augen verdreht, es ist sehr wichtig ihm/ihr zu erzählen, was man neben der Therapie sonst noch nimmt. Viele interessante Einsichten dazu bietet das Gespräch mit Dr. Wimmer und Dr. Jens Stäudle.

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    Dr. Wimmer: Es gibt ja immer so Mittelchen. Meine Oma nimmt das, die Freundin nimmt das. Die hat mir aber das gesagt. Apfelessig, Globuli, aber auch Drogen, die irgendwie ein Heilsversprechen haben. Gerade wenn ich Krebs habe, suche ich nach Mitteln, bei denen ich sage, das passt zu meiner Lebensart, zu meiner Einstellung, zu meinen Ansichten. Das aber nicht ganz ohne. Warum ist das so gefährlich?

    Dr. Stäudle: Es kommt immer auf die Dosis der Substanz an. Ich kann mich eigentlich mit allem umbringen. Ab acht Liter Sauerkrautsaft wird es gefährlich und irgendwelche Salze, die ansonsten nicht so gefährlich sind, aber in Unmengen genommen werden, können auch gefährlich werden. Alles, was über die gängige Tagesdosis hinausgeht.

    Dr. Wimmer: Selen und so was ist ja auch krass. Das ist ein Spurenelement. Und wenn ich zu viel nehme, ist es schon giftig. Selbst zu viele Vitamine können gefährlich sein.

    Dr. Stäudle: Das ist fast eine religiöse Einstellung. Was gibt mir ein Heilsversprechen? Und wenn ich eine schwere Krankheit habe und hoffe gesund zu werden, hoffe zu überleben und in der Medizin erlebe, dass wir mit klaren Wahrscheinlichkeiten rechnen, dass wir schon sagen können: Die Prognose ist so oder so aber eine Ungewissheit besteht trotzdem. Die Idee, dass mir jemand verspricht, dass ich gesund werde und dass irgendeine südamerikanische Frucht, irgendein Salz, irgendein Sauerkrautsaft mir ein Versprechen gibt, dann ist es natürlich schon eine Sehnsucht, die ich auch verstehen kann.

    Und die Frage ist natürlich, was befriedige ich damit? Helfe ich damit meinem Körper? Und hilft das gegen die Krankheit? Oder ist es etwas, an dem ich mich daran festhalten kann? Und da ist die Frage: Kann ich das irgendwie anders stillen? Also kann ich es reflektieren, was in mir passiert, vielleicht auch im Umfeld?

    Dr. Wimmer: Wenn jemand krank wird, erleben wir im Alltag, dass man damit konfrontiert wird, von wahrscheinlich zehn Leute angeschrieben zu werden, die sagen, meiner Großmutter hat das geholfen, ich habe ein Onkel, der war bei diesem Wunderheiler oder ich habe das aus dem Internet geholt etc. Während Medizinerinnen und Mediziner immer sagen, das ist die Studienlage, das hilft so, da wissen wir nicht, ob es hilft, ist es bei diesen ganzen Wundermittelchen und Heilsversprechen so, dass die Leute so überzeugt sind und wirklich so sehr selbst dran glauben. Und diese Überzeugung bringt mich dann dazu, dieses Wundermittel zu nehmen und das ist aber gefährlich.

    Dr. Stäudle: Da gibt es viele gefährliche Sachen, aber es gibt natürlich auch Sachen, bei denen man sagt: Okay, das schadet jetzt wahrscheinlich nicht. Wichtig ist mit dem Arzt zu sprechen und vor allem keine Therapie deshalb zu lassen. Die Frage ist, ob es schädlich ist, was man zusätzlich nimmt oder macht. Oder ist es wirklich eine Alternative zur nachgewiesen sinnvollen Therapie?

    Dr. Wimmer: Ich nenne das immer Wohlfühlmedizin. Das klingt so disrespektierlich, ist es aber gar nicht. Bleiben wir mal bei der Chemotherapie. Das ist Medizin, die sich nicht gut anfühlt. Da ist es völlig okay, wenn ich sage, ich trink dazu mal mein Glas Sauerkrautsaft.

    Aber wichtig ist es, ich bleibe mal plakativ, dass es Sauerkrautsaft und nicht Grapefruitsaft ist. Man muss immer darauf achten, dass es viele Dinge gibt, die Wechselwirkungen eingehen können, die an und für sich völlig harmlos sind.

    Bei uns im Examen war diese eine Frage: Der Bauer, der sein Feld düngt, trinkt eine Grapefruit Limonade und kippt halbtot vom Trecker, weil sich genau das Düngemittel mit dem Grapefruitsaft nicht verträgt. Also bitte unbedingt ansprechen. Auch den Ärztinnen und Ärzten sagen, was man gerne nebenbei nimmt, und abklären, ob das passt oder nicht.

    Dr. Stäudle: Es gibt nachweisliche Sachen, die auf jeden Fall helfen, z. B. Sport und Bewegung, draußen aktiv zu sein. Mit anderen Menschen zusammen zu sein ist definitiv etwas, was die Lebensqualität erhöht. Durch die höhere Lebensqualität bewege ich mich mehr, habe eine bessere Sauerstoffsättigung, weil ich einfach eine bessere Belüftung meiner Lunge habe. Ich glaube schon, dass es Sachen gibt, die definitiv helfen.

    Mit anderen Menschen Gemeinschaft erleben ist auch wichtig. Mit Leuten zusammensitzen, feiern, gut essen, ist was anderes, als allein die sehr gesunde Nahrung zu sich zu nehmen. Ich glaube, dass wir Menschen uns danach sehnen, dass uns irgendwas fast im religiösen Sinn hilft.

    Dr. Wimmer: Ja, wir wollen uns an etwas klammern. Jeder der das mal im Umfeld oder bei sich selbst erlebt hat, was so eine schwerwiegende Erkrankung mit einem macht, sucht dann wirklich nach dem letzten Strohhalm. Und genau hier ist es wichtig, sich nicht auf die falsche Fährte lenken lassen. Gerade bei so Dingen, die man online liest. Das klingt teilweise so krass gut, dass man denkt: Das muss doch helfen.

    Dr. Stäudle: Das ist gerade der Punkt, wo es schwierig sein kann. Und ich glaube, da ist einfach das offene Gespräch wichtig. Ich glaube, es verändert sich auch dieses häufige so klare Lager zwischen Schulmedizin und Naturheilkundeverfahren. Das ist etwas, was stark aufgebrochen wird. Wir haben in unserer großen onkologischen Klinik im Robert-Bosch-Krankenhaus trotzdem eine Abteilung für Naturheilkunde. Und das funktioniert heute inzwischen ganz gut zusammen und man kann wirklich sagen: Was hilft mir? Was gibt es an Wickel und Auflagen und Sachen, also was ist wirklich was, was nicht nur nice to have sondern positiv ist und mit dem ich vielleicht wirklich auch für mich etwas tun kann, wo ich mich nicht nur der Medizin gegenüber ausgeliefert fühle, sondern bei dem ich merke, es tut mir gut. Es hilft mir mit Nebenwirkungen zurechtzukommen.

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